Das Thema Web Accessibility (A11y) ist breit gefächert, da es eine Rolle in vielen verschiedene Bereichen wie Webdesign, QA und Webentwicklung spielt und je nach Bereich sehr unterschiedliche Perspektiven zeigt. Auch, wenn A11y noch nicht bis in jede Ecke des Internets vorgedrungen ist, wird das Thema immer präsenter. Das kann man zum Beispiel gut an Initiativen wie Simon Krafts Projekt sehen, der diesen Januar alle möglichen Beiträge zum Thema aus der WordPress-Community im WP Letter sammelt.

Wir geben in diesem Artikel einen Einblick in A11y aus Sicht von QA und Web-Entwicklung. Unsere WordPress-Experten Sebastian Pajor (Teamlead bei Inpsyde) und Jessica Thellman (QA Lead bei Inpsyde) berichten von ihren Erfahrungen mit Accessibility im Web.

Inpsyde A11y Experten Sebastian Pajor und Jessica Thellman

Was ist A11y?

Das World Wide Web soll uns alle verbinden, aber kommunizieren wir wirklich weltweit ohne Grenzen? Wenn ich den Content einer Webseite nicht lesen kann, weil ich die Sprache nicht kenne, blind bin, oder schlicht mein Gerät nicht unterstützt wird, dann stellt mich das vor eine Grenze. Gut, dass es mittlerweile viele nützliche Tools und Funktionen gibt. Mit Übersetzungstools, Responsive Webdesign, Screen Readern, Stimmerkennung und Closed Capturing können manche Grenzen überwunden werden. Aber nur dann, wenn sie richtig bedient werden. Aber das liegt nicht nur in der Verantwortung der Tool-Nutzer.

A11y steht für Accessibility und dafür, dass diese allen Nutzern garantiert wird. Vor allem im Web schließt das nicht nur Barrierefreiheit im klassischen Sinn ein, sondern auch die Überwindung von sprachlichen Barrieren und eine Benutzeroberfläche, die sich von jeder Person gut bedienen lässt. Stichwort: Usability. Das übergeordnete Ziel von A11y ist es, Websites und das Internet im Allgemeinen für möglichst viele Menschen in möglichst vielen Kontexten nutzbar zu machen.

Welche Rolle spielt Accessibility im Web 2020?

Accessibility for Enterprise: A11y vs. UX/UI

Obwohl das Thema Accessibility immer populärer wird, haben A11y und insbesondere Barrierefreiheit oft keine Priorität bei Webseiten-Projekten. Die Anforderungen von Kunden konzentrieren sich mehr auf die Bereiche User Experience (UX)  und User Interface (UI).

Im UX-Design wird versucht, die Nutzung einer Webseite oder auch App so komfortabel und angenehm wie möglich zu machen. Wenn der Besucher einer Webseite problemlos das findet, was er sucht, die Oberfläche intuitiv bedienen kann und so ein gutes “Webseiten-Erlebnis” hat, dann hat der UX-Designer einen guten Job gemacht. Das User Interface (Benutzerschnittstelle), in diesem Fall die Bedienelemente einer Webseite wie z. B. Menüs, spielen dabei eine wichtige Rolle.

Für den durchschnittlichen Kunden zählt in diesem Zusammenhang vor allem eines: Die Inhalte der Website sollen auf allen Endgeräten gut aussehen und abrufbar sein.

Wenn Barrierefreiheit gewünscht wird, dann meistens von größeren Unternehmen, die Stakeholder haben, die das verlangen, und gleichzeitig die Mittel, es umzusetzen. Es ist eine Frage der Prioritäten: Ist es mir die Investition Wert, um zu gewährleisten, dass alle Menschen meine Inhalte konsumieren können? Da sehe ich bei den meisten Unternehmen, dass sie sich mit dem Thema nur oberflächlich auseinandersetzen und eher auf Design, die Darstellung auf unterschiedlichen Endgeräten und SEO achten.

  Manchmal habe ich das Gefühl, dass Webseiten mehr auf Google beziehungsweise SEO zugeschnitten werden als auf die Menschen.
‒ Sebastian Pajor, Teamlead bei Inpsyde

A11y in der Webentwicklung: Herausforderungen und Chancen

Ist A11y schon in der Webentwicklung angekommen? Inpsyde Teamlead Sebastian Pajor gibt uns einen EInblick:

In der heutigen Webentwicklung beschäftigt man sich in Bezug auf A11y vor allem mit der Frage: Welche infos brauchen wir auf welchen Endgeräten und für welche Nutzer? Und dementsprechend: Welche Anforderungen entstehen dadurch bei der Entwicklung?

Schon unabhängig vom A11y-Gedanken ist es eine Herausforderung, Content wie Texte, Videos, Sliders und Menüs für alle möglichen Endgeräte anzupassen. Es ist praktisch unmöglich, eine perfekte A11y herzustellen. EIn großes Problem sind dabei die vielen unterschiedlichen Devices wie Handys, Tablets und Desktop-PCs. Aber auch SEO Algorithmen können die Sache kompliziert machen. Eine gute A11y ist aber nicht unmöglich ‒ mit den entsprechenden Prioritäten und Mitteln.

  Es ist hier wie mit allem anderen. Wenn du einen Profi am Werk hast, kann man das alles auch umsetzen, es kommt immer auf die Prioritäten an, die man setzt.
‒ Sebastian Pajor, Teamlead bei Inpsyde

Bei der Planung von Projekten achten wir deshalb darauf, dass wir unsere Kunden entsprechend beraten. Denn oft liegt der Fokus auf vielen neuen Webseiten-Funktionen und es wird nur wenig über Usability und Accessibility nachgedacht. Als WordPress-Agentur ist es unser eigener Anspruch, nicht nur beste Codequalität zu liefern, sondern auch die bestmögliche Bedienbarkeit und User Experience zu gewährleisten. Das Thema Accessibility spielt dabei natürlich eine Rolle. WordPress als CMS bietet hier gute Voraussetzungen, da es sich durch Plugins erweitern lässt und insgesamt sehr wandelbar ist.

A11y und WordPress:

  Wenn du Content providen willst, dann ist WordPress das beste CMS.
‒ Sebastian Pajor, Teamlead bei Inpsyde

Aber auch in Sachen A11y? Ja! Denn WordPress bietet einige Voraussetzungen für A11y Vorteile, die Webseitenbaukästen und andere CMS nicht haben.

Benutzerfreundliches Backend und Plugins

WordPress liefert ein übersichtliches und intuitives Backend, das auch von Laien in der Webentwicklung problemlos bedient werden.

Außerdem lässt sich die eigene WordPress-Website mit vielen verschiedenen Plugins, die alle möglichen Features abdecken, erweitern und dadurch an die individuellen Bedürfnisse und Wünsche anpassen. Damit bietet WordPress gute Voraussetzungen für Website-Betreiber, die ihren Nutzern A11y bieten wollen.

WordPress = Open Source = Open Mindset

WordPress ist ein Open Source Projekt. Dadurch arbeiten nicht nur ein paar Entwickler an der Verbesserung des CMS, sondern eine ganze Community. Das heißt, dass sehr viele Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Ansprüchen die Zukunft von WordPress mitgestalten. Themen wie Accessibility und Barrierefreiheit sind daher ein Muss.

Es hat sich sogar ein eigenes Accessibility-Team in der WordPress-Community formiert. Außerdem gibt es auf den weltweiten WordCamps, auf denen sich die Community trifft, oft Diskussionsrunden zum Thema. Hier wird aktiv an Lösungen und Ideen zum Thema A11y gearbeitet.

Für alle Interessierten: Hier gibt es Infos, Tipps und auch ein Handbuch zu Accessibility in WordPress: https://wordpress.org/about/accessibility/

A11y im Bereich Web-QA

Auch im Bereich Quality Assurance ist Accessibility ein wichtiges Thema. Als eine Schnittstelle zwischen Kunden und Entwicklern ist es eine der Aufgaben der QA, die Usability, also die Bedienbarkeit der Webseite im Allgemeinen aus Sicht des Users zu prüfen. So wird sichergestellt, dass eingeführte Features wie beispielsweise Suchfelder und Menüs wie gewünscht funktionieren und intuitiv bedienbar sind. Inpsyde QA Lead Jessica Thellman teilt ihre Sicht auf das Thema A11y:

In der QA einer Web-Agentur wird so kundennah wie möglich gearbeitet. Direkte Kommunikation ist dabei sehr wichtig. Denn nur auf diese Weise bekommt man einen Einblick in die Bedürfnisse des Kunden und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Mit diesem Wissen können Testsysteme zur Qualitätssicherung erarbeitet werden, die ein gutes Gesamtergebnis sichern.

A11y und QA: Schwierigkeiten und Chancen

  Die größte Schwierigkeit ist, dass die User Experience immer vom jeweiligen Nutzer abhängt.
‒ Jessica Thellman, QA Lead bei Inpsyde

Als Beispiel: Wenn ich testen soll, ob eine Webseite auch für Nutzer mit einer bestimmten Farbenblindheit sinnvoll dargestellt wird, kann ich das kaum ohne das Feedback eines farbenblinden Nutzers machen. Auch hier ist der Schlüssel zu einem guten Ergebnis also Kommunikation. Dadurch können solche Tests nur schwer automatisiert werden, es muss also manuell getestet werden bzw. durch das Feedback des Users. Das ist natürlich zeitaufwändiger und dadurch auch kostenintensiver. Und das ist ein Problem, denn viele Webseitenbetreiber haben andere Prioritäten oder schlicht nicht die nötigen Mittel, um Barrierefreiheit zu gewährleisten.

Aus meiner Sicht könnte man aber eigentlich ohne zu großen Aufwand ein paar Features als Standard auf jeder Webseite einbauen, z. B. verschiedene Farbpaletten für Menschen mit unterschiedlichen Farbwahrnehmungen. Gerade wichtige Mitteilungen wie zum Beispiel ein Fehler bei einem Bezahlvorgang können sonst leicht untergehen. Außerdem gibt es Tools wie Screenreader, die aber nur dann richtig funktionieren, wenn die jeweilige Webseite auch richtig eingestellt ist. Solche Reader lesen zum Beispiel Alt-Texte von Bildern, aber natürlich nur dann, wenn diese auch festgelegt wurden.

Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr und bessere Möglichkeiten geben wird, allen Nutzern Accessibility zu gewährleisten. Wir bewegen uns sicher in die richtige Richtung. Webseiten-Content wird jetzt schon immer öfter individuell an den User angepasst. Stichwort: Dynamischer Content. Den nächsten großen Schritt sehe ich in vom User anpassbaren Benutzeroberflächen auf Websites. So könnte sich sozusagen jeder die eigene Web Experience nach persönlichen Bedürfnissen zusammenstellen. Das wäre meiner Meinung nach die Basis für eine perfekte A11y.

Lohnt sich A11y?

Ja. Natürlich ist es immer eine Kostenfrage. Und natürlich wird es immer “teuer” sein, einige zusätzliche Features für ein paar wenige Menschen zu implementieren. Aber Accessibility und damit auch Barrierefreiheit sollten ohne Zweifel zum Standard eines jeden professionellen Webauftritts gehören.

Und Hand aufs Herz: Ein barrierefreies Web, ob Backend oder Frontend, und eine User Experience unabhängig von Sprache, Kultur und individuellen Bedürfnissen sind letzten Endes unschätzbar wertvoll ‒ und zwar für die gesamte Menschheit.

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